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„Unter den Außenkommandos war Cochem eines der schrecklichsten."

Dr. Ragot, französischer KZ-Häftling


Alltag im Lager Cochem: Knochenarbeit und Hunger

Bereits am Tag nach ihrer Ankunft mussten die Häftlinge zum ersten Mal in den Tunnel einrücken. Sie fanden ein völlig verwahrlostes, gigantisches Erdloch vor, das sie vom Mist und Schlamm räumen mussten, den Überresten einer Champignonzucht, die bis Anfang der vierziger Jahre in dem Tunnel betrieben worden war.
Bert Aerts berichtet: „Wir standen bis zu Bauch in einem klebrigen, stinkenden Brei um kleine Loren zu füllen".7

Eine Bruttiger Zeitzeugin erinnert sich: „Die Gefangenen kamen manchmal pudelnass aus dem Tunnel zurück. Sie hatten nichts um sich umzuziehen und mussten sich mit den nassen Kleidern zum Schlafen hinlegen".8

Ein Teil der Häftlinge wurde beim Aufbau der KZ Lagerbaracken in Bruttig und Treis eingesetzt. Die Lager entstanden auf den Bahndämmen, im Volksmund „Auf der Kipp" genannt, weil hier beim Bau der Dämme der Tunnelaushub aufgekippt worden war. Andere Häftlinge verrichteten Verladearbeiten auf den Bahnhöfen Cochem, und Karden bei Treis oder halfen beim Ausbau von Wegen, um die Zufahrten zu den Tunnelportalen sicherzustellen.

Auch für die Verpflegung der Häftlinge waren in Bruttig und Treis keinerlei Vorbereitungen getroffen worden. In provisorisch aufgestellten Gulaschkanonen wurden magere Suppen zubereitet. Die Zeitzeugin: „Vom Bahndamm aus konnte ich in den Hof schauen. Die Gefangenen mussten rund gehen und jeder hat einen Schlapp Essen in sein Schüsselchen bekommen. Davon konnten sie nicht satt werden. Wer sich ein zweites Mal vordrängte, wurde verprügelt ".9

Francois Guérin Die Häftlinge waren gezwungen, sich von Kräutern und Gras zu ernähren, obwohl dies unter Androhung von Strafe verboten war. Ebenso verzehrten sie Schnecken, die sie am Wegrand fanden. Sie stichelten die Schnecken aus ihren Häusern und schlürften sie roh herunter. „Eine Schnecke, und du bleibst wieder einen Tag auf den Beinen", empfahl der französische Häftling und Arzt Dr. Chazette seinem Lagerkameraden Bert Aerts.10 Aufgrund der schlechten Ernährung brach im Lager die Ruhr aus, eine Durchfallerkrankung, von der fast alle Häftlinge betroffen waren. Zur Verrichtung ihrer Notdurft stand den einhundertfünfzig Häftlingen in Bruttig nachts zeitweise nur ein einziger Eimer zur Verfügung, der aus Schikane nur einmal am Tag, morgens, ausgegossen werden durfte.

Im Frühjahr 2006 kehrte Francois Guérin an die Orte seiner Leiden zurück. Er war einer der ersten 300 NN-Häftlinge die unter dem Kommando der SS Obersturmführer Rudolf Beer nach Cochem deportiert worden waren. Er war dem Arbeitskommando Treis zugeteilt gewesen. Auf dem Bild steht er an der Stelle, wo sich das Treiser Tunnelportal befand.

 Francois Guérin

 


Vom Tode gekennzeichnet: Die Rückkehr der NN-Gefangenen nach Natzweiler

Anfang April kam aus Natzweiler der Befehl: Die Häftlinge in den Lagern Bruttig und Treis müssen in das KZ Natzweiler zurückgebracht werden! Der Lagerkommandantur in Natzweiler war erst jetzt klar geworden, dass sie versehentlich so genannte „NN Häftlinge" in das Außenlager Cochem geschickt hatte. NN stand für „Nacht und Nebel". Mit NN wurden jene Häftlinge bezeichnet, die wegen ihrer Einlieferungsgründe in das KZ fast keinen Schutz mehr für Leib und Leben genossen. Meist handelte es sich um Widerstandskämpfer, die im Zuge der berüchtigten „Nacht-und-Nebel-Aktionen" der Deutschen in das KZ Natzweiler verschleppt worden waren. Viele von ihnen wurden dort „ohne Hinterlassung von Spuren" oft noch in der Nacht ihrer Ankunft getötet. Jene aber, die diesem Schicksal entgehen konnten, waren furchtbaren Schikanen und Folterungen ausgesetzt. Sie durften wegen ihrer „Gefährlichkeit" nicht in den Außenlagern eingesetzt werden, sondern nur in einem eigens für sie eingerichteten Sonderkommando in Natzweiler arbeiten. Viele Cochemer NN-Häftlinge hatten nach den vier Wochen in den Mosellagern den Tod gefunden. Siebzehn Leichname wurden auf dem Bruttiger Friedhof verscharrt, andere zur Verbrennung ins Mainzer Krematorium gebracht. Einige Häftlinge überlebten die Strapazen der Zugfahrt zurück nach Natzweiler nicht. Sie fielen bei der Ankunft tot aus dem Bahnwaggon oder starben wenige Tage später im KZ Natzweiler an den Folgen von Unterernährung und Folter.

Ein Natzweiler-Häftling, der die Ankunft der Cochemer Häftlinge miterlebte, erzählte nach seiner Befreiung: „Am Ostersonntag erlebten wir die Rückkehr der Franzosen, die wenige Wochen zuvor nach Cochem abgefahren waren. Ich habe viele schreckliche Sachen gesehen, aber das war meine erste alptraumhafte Erscheinung. Die weniger Kranken stützten oder trugen richtige Skelette, nackt, bedeckt mit grünlichen Exkrementen, Skelette, die nichts menschliches mehr an sich hatten".11 Unter den Außenkommandos war Cochem eines der schrecklichsten. In einem Monat starben in Cochem vierzig von 150 Franzosen.

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