::: Literaturkurier - Neuerscheinungen | Oktober 2017


Virginie Despentes
Das Leben des Vernon Subutex
Roman | Kiepenheuer & Witsch | 400 Seiten | 22,00 Euro

Vernon SubutexDer Roman ist eine Chronik des Niedergangs des Protagonisten. Nach dem Aus für seinen legendären Plattenladen in Paris kann er sich zunächst über Wasser halten, indem er alte Beziehungen zu Freunden und vor allem Freundinnen wieder aufleben lässt. Doch seine Kumpels sterben einer nach dem anderen. Subutex verwahrlost und endet als bettelnder Penner auf der Straße. Begleitet wird seine Geschichte durch die zahlreichen Figuren und deren Gedankenwelt, wodurch ein vielstimmiger Chor von Stimmen entsteht, die alle ihr Schicksal beklagen. Ihre Wut- und Hasstiraden richten sich nicht gegen politische Strukturen, sondern gegen andere Menschen oder Gruppen, die aus unerfindlichen Gründen mehr Erfolg haben als sie selbst. Vernon steht stellvertretend für eine Generation alternder Szenegänger, die im Rock‘n‘Roll ein sinnstiftendes Element gefunden hatten und nun auf der Suche nach Ersatz sind. Schroff und brutal wie die Charaktere ist auch ihre Sprache: voll bösem Witz, obszön pornografisch. Alle wichtigen zeitgenössischen Themen werden in dieser Form behandelt, nicht analysierend, sondern als authentischer Ausdruck ihres Zornes und ihrer Ängste, gut nachvollziehbar für den Leser. (Aus dem Französischen von Claudia Steinitz)


Titus Müller
Der Tag X
Roman | Blessing | 400 Seiten | 19,99 Euro

tag xTag X - so bezeichnete die DDR den 17. Juni 1953, der im Mittelpunkt dieses historischen Romans steht, welcher zugleich ein spannender Agententhriller ist und zwei wenig romantische Liebesgeschichten enthält. Zentraler Schauplatz ist Berlin, aber auch Ereignisse in Bonn (Globke, Adenauer) und vor allem in Moskau (Tod Stalins und Kämpfe um die Nachfolge zwischen Beria und Chruschtschow) werden mit einbezogen. Authentisch sind auch die am Aufstand beteiligten Personen: Der Autor hat das Material für sie aus Archiven und Augenzeugenberichten gewonnen und verwendet Zitate und Handlungen daraus für seine Figuren. Sie haben unterschiedliche Motive für ihre Beteiligung am Aufstand, so dass sich das Panorama eines gesellschaftlichen Prozesses ergibt. Die Darstellung wirkt wie eine tagesaktuelle Berichterstattung: eindringlich, detailliert, packend. Der Leser wird zum Beobachter, der Autor urteilt nicht. Ein Stichwortregister und Erklärungen von Abkürzungen am Ende des Buches machen diesen Roman zu einem verständlichen, spannenden und informativen Werk.


J. Paul Henderson
Der Vater, der vom Himmel fiel
Roman | Diogenes | 352 Seiten | 20,00 Euro

der vater der vom himmel fielDurch eine Verkettung fataler Ereignisse kommt der 81jährige Lyle Bowman zu Tode. Die Trauerfeier gerät fast zu einer Katastrophe: Kathy, die Enkelin des Verstorbenen, liefert einen Popsong mit schwingenden Hüften ab und empört sich über den ausbleibenden Applaus, der jüngere Sohn Greg kommt verspätet und in Flip-Flops, Bermudashorts und Hawaihemd, und eine junge Frau flüchtet aus der Kirche. Bei der anschließenden Feier müssen die Gäste in zwei Gruppen geteilt werden, um peinliche Attacken zu vermeiden. Um die eine Gruppe kümmert sich Billy, der ältere Sohn und Vater von Kathy, um die andere Greg, der gerade aus Amerika gekommen ist. Greg ist es auch, dem der verstorbene Vater als „Geist“ erscheint und dem aufgetragen wird, nicht nur das Haus, sondern auch die Familie zu sanieren, was der Vater-Geist immer auf die lange Bank geschoben hatte. Greg nimmt sich des Auftrags an und hat erhebliche Mühe mit seiner neuen Aufgabe ... Der Roman ist flott geschrieben und unterhält vor allem durch den Wortwitz bei den Dialogen und die Darstellung der schrulligen Personen, die alle eine „Macke“ haben. Daneben berührt aber auch die Familiengeschichte, deren Geheimnisse aufgedeckt und deren Probleme gelöst werden. (Aus dem Englischen von Jenny Merling)


Stephanie Burgis
Aventurine. Das Mädchen mit dem Drachenherz
Kinderbuch (ab 10) | Fischer KJB | 320 Seiten | 14,99 Euro

aventurineDie junge Aventurine ist noch viel zu klein, um alleine aus der Höhle zu dürfen: Der Panzer des kleinen Drachenmädchens ist noch zu schwach, die Gefahr draußen zu groß. Aber natürlich nützen alle Ermahnungen der Eltern nichts, Aventurine bricht in die Freiheit auf – und läuft direkt einem Zauberer in die Arme, der sie in ein Menschenkind verwandelt. Kein Feuerspeien mehr, kein Schwanz, dafür aber Neugier, die Welt zu entdecken. Und unter den Menschen gibt es zwar so einige Abenteuer zu bestehen, aber auch etwas, das all die Mühen lohnt: Schokolade. Nur muss Aventurine einsehen, dass es gar nicht so einfach ist, immer an diese Köstlichkeit zu kommen, nicht einmal für ein Drachenmädchen in Kindergestalt! - Ein humorvolles, lebhaftes Fantasymärchen mit einer sympathischen Heldin: abenteuerlustig, draufgängerisch und etwas blauäugig. Ein Lesespaß, nicht nur für wilde Mädchen. (Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier)


Andrea Grewe, Hiltrud Herbst, Doris Mendlewitsch (hg.)
Fliegende Wörter 2018
Postkartenkalender | Daedalus | 53 Seiten | 16,95 Euro

fliegende woerter 2018Lyrik führt (leider) ein Nischendasein – wie gut, dass es Kalender wie die Fliegenden Wörter gibt, die auch 2018 dafür sorgen möchten, das die kleinen, feinen Texte unseren Alltag bereichern: Durch seine „53 Qualitätsgedichte zum Verschreiben und Verbleiben für Zeitreisende, Sprachspieler, Kenner und Genießer“ bringt uns dieser Wochenkalender internationale Gedichte aus den unterschiedlichsten Epochen in aufregender typografischer Gestaltung näher. Vom exklusiv für diesen Kalender verfassten Gedicht von Ulla Hahn über die großen Klassiker vieler Sprachen bis hin zu einem jungen georgischen Autoren reicht die Entdeckungsreise, die dieser Kalender nun schon im 24. Jahrgang bietet.

::: Literaturkurier - Neuerscheinungen | September 2017


Mariana Leky
Was man von hier aus sehen kann
Roman | DuMont | 320 Seiten | 20,00 Euro

Was man von hier aus sehen kannIn einem kleinen Dorf im Westerwald lebt die Ich-Erzählerin Louise bei ihrer Großmutter Selma. Selma ist der Mittelpunkt des Dorfes, zu ihr kommt man, wenn man Rat braucht, wenn man es zu Hause nicht aushält oder wenn man, wie „der Optiker“, in die resolute Dame verliebt ist. Wenn Selma allerdings von einem Okapi träumt, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Nur wer? Diese Unsicherheit treibt alle Bewohner zu den sonderlichsten Unternehmungen an. - Mariana Leky stellt uns in ihrem dritten, liebenswert skurrilen Roman ein mit wunderlichen Menschen bevölkertes Dorf vor, das wir durch Louises Augen kennenlernen. In drei großen Kapiteln, mit mehreren Jahren Abstand erzählt, erfahren wir von Liebe, Gewalt und großen Reisen. Es geschehen hässliche, schöne und sehr wunderliche Dinge hier, und geschildert in Lekys witziger, überraschender und metaphernreicher Sprache sind sie gleich noch einmal so lesenswert.

Ilona Jerger
Und Marx stand still in Darwins Garten
Roman | Ullstein | 269 Seiten | 20,00 Euro

Und Marx stand still in Darwins GartenCharles Darwin und Karl Marx lebten beide in den 1880er Jahren in London. Und obwohl sie sich wohl in Wirklichkeit nie begegnet sind, entwickelt Ilona Jerger in ihrem Debütroman ein spannendes Doppelporträt der beiden Männer, das auf eine kurze, aber heftige Begegnung der beiden alten Herren zuläuft. Zuvor lernt der Leser Darwin als Mann im Zwiespalt kennen, der mit seiner Rolle als „Mörder des Schöpfergottes“ eben sowenig zurechtkommt wie Marx mit seinem Buch „Das Kapital“, von dem bis zu diesem Zeitpunkt nur ein paar erste Seiten vorliegen. Beide werden verehrt und zugleich angefeindet – und beide werden von Dr. Beckett behandelt, der den Kontakt zwischen den beiden herstellt. Die Autorin weckt beim Leser das Interesse an den beiden Wissenschaftlern, über deren Werk, Leben und Denken man eine Menge dazulernt. Gründliche Recherche, dichterische Freiheit und literarische Verarbeitung gelingen Ilona Jerger gleichermaßen.

Simone Buchholz
Beton Rouge
Krimi | Suhrkamp | 228 Seiten | 14,95 Euro

Beton RougeIn Hamburg werden nacheinander zwei leitende Angestellte eines Verlags nackt und misshandelt in Käfige gesperrt und vor der Tür des Verlagsgebäudes abgesetzt. Ein Feldzug gegen die Rationalisierungen und den Kapitalismus der Verlagswelt? Persönliche Rache? Staatsanwältin Chastity Riley übernimmt zusammen mit einer LKA-Polizeiabteilung den Fall und muss feststellen, dass ein weiterer Manager in Gefahr schwebt, überfallen zu werden, denn die drei verbindet eine Geschichte ... Das Buch „nur“ wegen der spannenden Krimihandlung zu lesen, wäre schade, denn mit der Ich-Erzählerin – einer toughen, ständig rauchenden und trinkenden Single-Frau, die immer mal wieder auch ihre schwachen Seiten entdeckt -, ihren Männerbekanntschaften, der Kneipe „Blaue Nacht“, der direkten, schnörkellosen Sprache und den tollen Sprachbildern liefert Simone Buchholz uns noch viel mehr Gründe, für ihr Buch zu schwärmen.

Anna Desnitskaya, Alexandra Litwina
In einem alten Haus in Moskau. Ein Streifzug durch 100 Jahre russische Geschichte
Kinderbuch (ab 12) | Gerstenberg | 60 Seiten | 24,95 Euro

In einem alten Haus in MoskauFamilie Muromzew zieht 1902 in eine neue Wohnung in Moskau, und wir werden ihr Leben in den nächsten 100 Jahren mitverfolgen dürfen. Aus Sicht der Kinder werden Alltagsleben, politische Veränderungen, Kriege und familiäre Ereignisse erzählt – und durch unzählige Illustrationen, Collagen, Comic-Elemente, Wimmelbilder, Fotos und großformatige Zeichnungen ganz ausgezeichnet bebildert. In Etappen geht es über den Ersten Weltkrieg, Hungersnöte, den Zweiten Weltkrieg, die Tauwetterperiode hin zu Gorbatschow und dem Untergang der UdSSR. Mithilfe kurzer Texte und den sehr anschaulichen Bildern wird den jungen Lesern ein Einblick über die historischen Entwicklungen vermittelt, im Großen (Weltpolitik) wie im Kleinen (Kleidung, Möbel, Technik). Ein tolles Konzept, das wunderbar aufgeht und die ereignisreiche Geschichte Russlands ein gutes Stück verständlicher macht. (Aus dem Russischen von Thomas Weiler und Lorenz Hoffmann)

Literaturkalender Kunst 2018
Wochenkalender | Korsch | 52 Seiten | 19,95 Euro

Literaturkalender Kunst 2018Ein Gemälde des Canal Grande in Venedig von Édouard Manet, dazu ein Venedig-Gedicht von Nietzsche, einige Zeilen von Paula Modersohn-Becker zu ihrem eigenen Bild mit zwei Mädchen, ein Liebesgedicht von Erich Mühsam, begleitet von einem da Vinci-Gemälde oder auch Edvard Munchs Bild „Weiße Nacht“ in Verbindung mit einem Text von Theodor Storm: Der Literaturkalender Kunst 2018 verbindet jede Woche im kommenden Jahr Kunst aus mehreren Jahrhunderten mit passenden Texten renommierter Autorinnen und Autoren. Eine Freude fürs Auge im Format 33 x 24 Zentimeter.

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Lesart 03 2017

»Lesen, bis die Wimpern vor Müdigkeit leise klingen.« Elias Canetti

 

 

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