Leseprobe zu Moseltalbrücke - Ernst Heimes

Auf der Moseltalbrücke


Ako ordnete sich nicht in den Verkehr ein, der einige hundert Meter vor der Baustelle auf die linke Spur geleitet wurde, sondern umfuhr mit einem kleinen Schwenk eine Absperrung. Ungehindert glitt er mit langsamem Tempo über den abgeriegelten Teil der Autobahnbrücke, bis Baumaterialien und Maschinen ihm den Weg versperrten. Auf der Baustelle war niemand zu sehen. Er schaltete den Motor ab, öffnete die Wagentür, blieb aber im Fahrzeug sitzen um sich umzuschauen. Als erstes fiel ihm das niedrige Brückengeländer im Baustellenbereich auf. Offensichtlich wurde es im Rahmen der Bauarbeiten einer Ausbesserung unterzogen, die aber noch nicht abgeschlossen war. Er dachte, dass es kein Problem sein dürfte, diese Brüstung, die etwas Provisorisches hatte, zu überwinden. Dahinter ging es 136 Meter tief ins Moseltal. So jedenfalls hatte es in einem Artikel mit dem Titel „Kilometerlanger Brückenschlag über die Mosel von Dieblich nach Winningen" gestanden, den er auf einer Internetseite nachgelesen hatte. Eine sichere Sache für jeden, der sich für einen Rückzug aus dem Leben entscheidet. Bei dem Gedanken, Rückzug aus dem Leben, ballte Ako die Fäuste. Nein! Barthel war kein Selbstmörder. Da musste etwas anderes geschehen sein. Aber was?

Als er sein Fahrzeug verließ, erwischte ihn eine Windböe. Sie schlug ihm die geöffnete Fahrertür aus der Hand, so dass er einen Moment befürchtete, sie könnte aus den Scharnieren brechen. Die Böe zerzauste sein Haar und blähte seine Jacke auf. Er raffte sie eilig zusammen, schloss die Knöpfe. Der Himmel sah aus, als könnte seine schwere, dunkle Fracht sich bald in einem Gewitter entladen. Mit kleinen Schritten näherte Ako sich dem Brückenrand. Der starke Wind hatte ihn unsicher gemacht. Mit harten Schüben stieß er ihn vor sich her. Er griff nach dem Geländer, versicherte sich festen Bodens unter den Füßen und wendete den Blick vorsichtig nach unten. Er besiegte einen Anfall von Schwindel und spürte erleichtert, dass der Wind nachließ. Unter sich sah er die Streuobstwiesen der Gemarkung Dieblich, die im Rechteck angelegten Obstbaumplantagen, und einzelne flache Weingärten, die auf der Seite des Gleithanges leicht anstiegen. Ganz im Gegensatz zu den auf der anderen Moselseite am Ende der Brücke gelegenen Weinbergterrassen im sich steil aufreckenden Winninger Uhlen. Der Uhlen, ein Berg, eine Wingertslage, der nicht nur wegen seiner dramatischen Steillage, sondern vor allem wegen der Rieslingweine, die auf seinen steinigen Böden gedeihen, weltberühmt ist.

Aber Barthel war nicht drüben in den Weinbergen, nicht in der Mosel, was beides, wie es Ako durch den Kopf schoss, besser für ihn gepasst hätte, sondern direkt unter ihm in den Gärten von Dieblich aufgeschlagen. Ako war sicher, dass er sich ganz in der Nähe des Absturzplatzes befand. Seltsam, dass ihn das im Moment überhaupt nicht berührte. Er empfand keine Verbindung zu seinem toten Freund und diesem Ort, an dem er die letzten Sekunden seines Lebens verbracht hatte.

Schwere Wassertropfen landeten überraschend auf Akos Schultern, trafen das Geländer, malten dunkle Flecken auf den Asphalt. Ako hörte ihren Aufprall, bevor er ihn spürte. Dann bemerkte er ein Flackern in der Luft, das ihm seltsam vorkam. Aber er beschloss, es zu ignorieren. Er stützte sich mit dem Oberkörper und mit verschränkten Armen auf das Geländer, den Kopf weit nach vorn gebeugt, den Blick noch immer in der Tiefe verankert. Hinter sich hörte er ein Fahrzeug bremsen, hörte, dass der Motor ausgeschaltet und die Wagentüren vorsichtig geöffnet wurden. Er vernahm leise Männerstimmen. Sie klangen, als wollten sie auf ihn einreden, beruhigend, beschwörend. Sie kamen näher. Jetzt verstand er auch, was sie sagten. Es klang formelhaft, abgestanden und nervös, dass es immer noch einen Ausweg gebe, dass die Welt bei allem Übel schön und das Leben lebenswert sei. Ako bewegte sich nicht. Obwohl die beiden Stimmen, bei dem, was sie da redeten, eine sehr unnatürliche Klangfärbung angenommen hatten, dämmerte ihm, dass er sie kannte und woher er sie kannte. Er spürte, dass Wut in ihm hoch kochte. Er drehte sich um und schrie: „Jetzt kommt ihr beiden Arschgeigen und stört mein Gebet für meinen Freund! Wo seid ihr denn vorgestern gewesen, als sich hier eine Katastrophe vollzogen hat?" Seine Stimme wurde lauter. Am Ende überschlug sie sich, und durch das auftretende Kratzen im Hals bekam Ako einen Hustenanfall.

Der kleinere der beiden Polizisten verdrehte die Augen und sagte zu seinem Kollegen: „O Gott, der schon wieder."

Der Große trat energisch auf Ako zu, blieb aber aus Respekt vor der Tiefe in sicherem Abstand stehen und sagte: „Jetzt komm da vom Geländer weg, da ist vorgestern erst einer drüber gegangen."

Als Ako keine Anstalten machte, sich zu bewegen, fragte der Polizist nach hinten: „Bist du schwindelfrei, Kläusi?"

Der Gefragte blies die Backen auf und schüttelte den Kopf. Er ging auf den Streifenwagen zu und sagte: „Ich fordere über Funk Verstärkung an!"

„Halt, Halt! Lass gut sein!" rief Ako und trat vom Geländer weg. „Der Mann, der hier vorgestern abgestürzt ist, war mein Freund, Bartholomäus Fels. Meinen Wutausbruch vorhin... Bitte entschuldigen Sie..."

„Fels, ja, so hat er geheißen", sagte der kräftige Polizist. „Das weiß ich genau. Wohnte in Kanaul in dem verrückten Haus oben im Wingert."

„Richtig", bestätigte Ako.

„Und der ist dein Freund?" fragte Kläusi.

„War! War mein bester Freund."

„War wohl auch dein Einziger", grinste Kläusi hämisch.

„Geht das jetzt schon wieder los?" sagte Ako böse.

„Nun lass mal gut sein", versuchte der Große seinen Kollegen zu beschwichtigen. Ako fiel ein, dass Kläusi den anderen Polizisten Jürgen und er ihn wegen seiner offensichtlichen Körpermaße insgeheim Kleiderschrank genannt hatte.

„Ich glaub, ich gehe mal wieder ins Auto", sagte Polizist Kläusi und setzte sich mit einem ahnungsvollen Blick in die Wolken, die sich immer dunkler zusammenschoben und zum Greifen nah schienen, in Bewegung. „Da braut sich ein prächtiges Gerumpel zusammen." Wieder klatschten dicke Regentropfen nieder. Kläusi erreichte im Laufschritt den Streifenwagen und setzte sich hinter das Steuer. Das Gewitter begann zeitgleich mit dem Regen. Wind frischte auf und pfiff scharf über die Brücke.

„Kommen Sie schnell! Steigen Sie mit in mein Auto ein!" sagte Ako. Polizist Kleiderschrank, dessen Dienstmütze von einer Böe erfasst und unter der Absperrung hindurch über die Autobahn geweht worden war, überlegte nicht lange und setzte sich auf den Beifahrersitz. Der Streifenwagen, der vielleicht zwanzig oder dreißig Meter von Akos Fahrzeug entfernt stand, war nicht mehr zu sehen. Im Nu war es fast nachtdunkel. Nur im grellen Licht der Blitze erkannte man die Silhouette des Streifenwagens. Ako und Kleiderschrank mussten laut sprechen, um den Regen zu übertönen, der auf das Fahrzeug trommelte.

„Üble Sache, mit deinem Freund."

Ako nickte.

„Wir haben ihn vorgestern aufgelesen, Kläusi und ich. Ein schreckliches Bild. An so was gewöhnt man sich in all den Dienstjahren nie."

Ako sah Kleiderschrank ins Gesicht. Der kräftige, bärtige Mann hatte freundliche Augen.

„Und du?" fragte Kleiderschrank. „Wie geht es dir inzwischen?"

Ako runzelte die Augenbrauen.

„Nach dem Überfall damals, meine ich."

„Ach so! Na, offenbar haben Sie und Ihre Kollegen von der Kripo ja nichts raus finden können. Ich habe nichts und gar nichts bis heute gehört. Auch von dem..., wie hieß er noch gleich? Adlerauge, Eierbär, Löffelente...

„Hühnerkopf."

„Richtig, dem Hühnerkopf aus Koblenz, der alles so brav aufgeschrieben hat, habe ich nie wieder was gehört."

Kleiderschrank hob die Hand und ließ sie nach vorn fallen.

„Offiziell laufen die Untersuchungen noch. Aber wenn du meine Meinung wissen willst – das bleibt jetzt aber unter uns! – kann ich dir nur sagen, die lassen eine Zeitlang verstreichen, damit alle glauben, es sei was geschehen, Nachforschungen, Untersuchungen, Datenabgleich und so, und dann wird die Sache eingestellt, zu den Akten gelegt, Ende. In Fällen von Körperverletzung, wie bei dir, haben die Opfer schlechte Karten. Entweder sie können der Polizei selbst einen Täter präsentieren oder..." Er hob die Hände neben den Kopf und nickte. Ako war klar, was er mit der Geste meinte.

„Keine Chance?"

Kleiderschrank schüttelte den Kopf.

„Wenn du mich fragst, kaum. Wo soll man da anfangen? Du hast bewusstlos da gelegen. Es war früh am Morgen. Niemand war zu sehen. Niemand hat dich gesehen, geschweige den oder die Täter. Wen also sollte man fragen?

Es ist ja auch kein Mord geschehen. Bei Mord läuft das natürlich ein bisschen anders. Also, wenn du jetzt tot wärest..."

Ako blickte mürrisch.

„Entschuldigung, war nicht so gemeint", beschwichtigte der Polizist. „Aber du weißt schon. Bei Mord, da geht die Kripo in die Häuser und rührt die Sache richtig hoch. Aber bei Körperverletzung...? Weißt du, da passiert jede Woche so viel, dass Leute oft völlig grundlos verprügelt werden, dass kleine Diebstähle mit Körperverletzungen einhergehen, junge Leute, alte Leute, Raufereien in Kneipen, in Schulen und bei Festen, wegen Drogen oder wegen gar nichts. Was weiß ich! Wir nehmen die Fälle, so sie zur Anzeige kommen, auf. Falls Zeugen zu ermitteln sind, werden sie verhört. Zum Schluss geht es meistens aus wie das berühmte Schießen von Hornberg. Alle haben ihre Pflicht getan. Nichts ist erledigt."

„Klasse Job habt ihr, muss ich sagen."

„Was willst du machen, wenn du sonst nichts gelernt hast", lachte Kleiderschrank.

Der Regen trommelte nicht mehr ganz so heftig auf das Autodach. Dunkel wars immer noch. Durch die Düsternis flackerte das Blaulicht des Streifenwagens. Kurz erschallte das Martinshorn.

„Der meint mich", sagte Kleiderschrank und wies mit dem Kopf in die Richtung, wo das Fahrzeug stand. Er machte Anstalten auszusteigen und suchte nach dem Hebel zum Öffnen der Tür. Ako lehnte sich über den massigen Köper seines Nebenmanns, sagte, warte, ich helfe, und ließ das Schloss mit einem Griff aufspringen. Noch während des Aussteigens, wandte sich der Polizist um und fragte pflichtgemäß: „Führerschein, Fahrzeugschein, alles dabei?"

Ako nickte. „Sicher!"

„Ich muss dich noch darauf hinweisen, dass du die Baustelle umgehend zu verlassen hast", sagte der Polizist.

„Hatte nicht vor, hier Wurzeln zu schlagen."

„Alles klar! Scheiß Wetter!"

Kleiderschrank schlug die Wagentür zu und verschwand im Regen.

Als Ako nur wenig später den Streifenwagen auf der eingeengten Fahrbahn an der Baustelle vorbeifahren sah, schaltete er kurz das Licht seines Fahrzeugs ein, um die Polizisten glauben zu lassen, er fahre los. Aber er wartete das Gewitter ab. Nach einer viertel Stunde klarte es auf, und ein großes blaues Wolkenloch ließ die Sonne durchscheinen. Er stieg aus.

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Biografie, Bücher und Rezensionen. „Mit Ernst Heimes wirkt ein Schriftsteller unter uns, der mit leiser Stimme und mit eindringlichen Worte zum Chronisten einer Region geworden ist." Peter Schössler (Wochenspiegel)

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